Tag 4 – Zweite Nachtschicht

Posted by on 17. Oktober 2011

16. Oktober – Tag 4 – Zweite Nachtschicht, Chaos und ein Junge mit zwei Seiten

Montag, Viertel vor neun morgens. Ich habe heute Nacht praktisch nicht geschlafen, bin aber auch nicht wirklich müde. Deshalb sitze ich gerade draußen auf einer (kalten) steinernen Bank unter einem Baum. Die Temperaturen sind angenehm. Diese Bank ist für viele ein wichtiger Platz, weil hier der WLAN-Empfang am besten ist. Um mich herum laufen Reinigungskräfte herum. Die Kinder sind in der Schule. Wie angenehm.

   Um halb neun gestern Abend stand ich also bereit für die zweite Nachtschicht bei den Happy Feet’s. Sie schliefen schon, welch ein Glück. Zehneinhalb Stunden auf dem Stuhl standen mir bevor, jedoch war ich diesmal wie angekündigt besser vorbereitet. Ich nehme schon einmal vorweg, dass ich in dieser Nacht keine Probleme mit der Kälte haben sollte.

   Gegen zehn Uhr stand nun also wieder die erste Runde Klo an. Ich hatte inständig gehofft, dass Helen noch einmal käme, aber sie war zunächst nicht zu sehen. Somit musste ich also selbst mein Glück versuchen. Leider bekam ich die Kinder nicht wirklich wach. Kind eins stand auf einmal auf der falschen Seite des Bettes, das aber eigentlich an der Wand steht. Wie es dazwischen passte, ist mir ein Rätsel. Als ich schon zu verzweifeln drohte und nass geschwitzt war, kam Helen doch endlich. Sie sagte mir, ich müsste sie irgendwann einfach aus dem Bett heben, egal, in welchem Zustand sie seien. Nach diesem überaus sinnvollen Ratschlag gelang es von nun an wesentlich besser. Kind eins machte keine Probleme und war sogar auf dem Fußweg überraschend zielstrebig. Kind zwei ließ es sich wie immer nicht nehmen, ein paar feine und weinerliche akustische Kommentare zu geben, was am Erfolg der Mission doch keinen Abbruch tat. Auch Kind drei, bei dessen Rütteln mir immer noch Helens Aussage, dass dieses Kind eigentlich das Problemkind sei, im Hinterkopf schwebte, machte seine Sache überaus gut. Die erste Runde war also abgehakt. Vorerst würde kein Kind ins Bett machen.

   Während der nächsten Stunden unterhielt ich mich mit verschiedenen Leuten im Internet und beantwortete dabei diverse E-mails (vielen Dank noch mal für alle Mails). So verging die Zeit recht schnell und die nächste Klo-Runde um ein Uhr stand bevor. Diesmal kam Helen nicht, aber ermutigt durch den Erfolg der ersten Auflage drei Stunden zuvor, machte ich mich an die Arbeit. Kind eins sollte mich wiederum nicht enttäuschen und führte seine Aufgabe souverän aus. Bei Kind zwei verlief die Sache jedoch nicht so reibungslos wie zuvor. Kind zwei muss sich in einem besonders tiefen Schlaf befunden haben, denn daran, selbst zu laufen, war praktisch nicht zu denken. Die ersten Schritte schaffte er noch selbst, danach habe ich ihn schnell die letzten Meter getragen, da er aus irgendeinem Grund die Hose schon unten hatte und ich mir nichts Schlimmeres als einen Flüssigkeitsunfall im Flur direkt vor meinem Stuhl vorstellen konnte. Letztendlich hätte Kandidat zwei jedoch nicht einmal ein Pinnchen füllen können. Der Schlauch war leer, ebenso der Akku, denn nach der Drehung fiel er praktisch auf meine Füße, sodass ich mich genötigt sah, ihn zurück zu seinem Bett zu tragen. So leer der Akku jedoch war, es reichte in jedem Fall noch für eine deutlich ausgeprägtere und ausdauernde akustische Untermalung als beim letzten Mal, sodass ich beschloss, Kandidat zwei schon in diesem Moment aus dem Rennen zu nehmen und ihm die dritte Runde zu ersparen. Wie erwähnt war er Schlauch ja sowieso leer. Somit blieb noch Kandidat drei, der erstaunlicherweise wiederum keine Probleme bereitete.

   Die Zeit von ein Uhr bis drei Uhr brachte ich ebenfalls gut hinter mich. Es setzte glücklicherweise nicht dieselbe brutale Müdigkeit ein wie in der vorherigen Nacht. Für die dritte Runde musste ich mich dennoch überwachen. Zwei Kandidaten verblieben noch im Rennen um den Titel des problemlosesten Kindes. Die Entscheidung der einköpfigen Jury, die logischerweise nur aus mir selbst bestand, sollte nicht schwer werden. Während Kandidat eins eine tadellose Serie hinlegte, bewies Kandidat drei nun, warum Helen ihn als das heikelste Kind bezeichnet hatte. Erst bekam ich ihn nicht annähernd wach, dann befolgte ich Helens Rat und hob ihn einfach aus dem Bett. Er war jedoch nicht im Mindesten in der Lage zu stehen. Als ich immer wieder versuchte ihn auf seine Beine zu stellen, brauch schließlich der Bann. Er versuchte sich von mir loszureißen und im Halbschlaf vor mir zu fliehen (gegen sein Bett) und fing gleichzeitig an zu schreien. Im Gegensatz zu Kandidat zwei, der lediglich zu einem leichten, aber einprägsamen Heulen neigte, machte Kandidat drei keine halben Sachen. Im nu befürchtete ich, dass er nun das gesamte Haus wecken würde und mir so größere Probleme bereiten würde. Die große Katastrophe blieb jedoch glücklicherweise aus. Mühsam konnte ich ihn schließlich wieder in sein Bett heben, den Gang zur Toilette hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits abgehakt. Aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen machte er jedoch Anstalten, das Bett wieder zu verlassen, er hing praktisch auf der Bettkante. Immer wenn ich versuchte, seine Beine wieder richtig ins Bett zu heben, trat er nach mir. Eine ganze Weile saß ich also neben ihm, sein Geschrei ging durch Mark und Bein. Irgendwann blieb mir nur der Rückzug, was vielleicht keine so schlechte Idee war, da er offensichtlich Angst vor mir zu haben schien. Über die Gründe dafür braucht man nicht lange nachzudenken. Der Grund bin nicht explizit ich, sondern er lässt sich wahrscheinlich in seiner Geschichte finden, die ich für diesen speziellen Fall jedoch nicht kenne. Mittlerweile habe ich jedoch schon festgestellt, dass man bei jeder einzelnen Geschichte der Kinder erst einmal schlucken muss. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

   Ich ging also zurück an meinen Platz und hoffte, dass er irgendwann Ruhe geben würde. Ab und zu schaute ich um die Ecke durch die Tür, um zu seinem Bett sehen zu können. Zu meinem Entsetzen stellte ich bald fest, dass er sich auf seine Bettkante gesetzt hatte. Inständig hoffte ich, dass er sich nicht auf den Boden legen würde. Nach einigen Minuten entspannte sich die Situation jedoch. Er legte sich zunächst wieder in sein Bett und später hörte auch das Geschrei auf. Ich hatte also den aktiven Teil der Nacht hinter mich gebracht und noch drei Stunden bis zum Wecken der Kinder, denn an diesem Montag mussten sie natürlich zur Schule bzw. in den Kindergarten.

   Meine Einsamkeit sollte jedoch nur bis kurz nach fünf andauern. So lange gab das Kind mit dem Einzelzimmer, da er immer so früh wach wird, mir Zeit. Irgendwann vernahm ich Geräusche aus dem Zimmer hinter mir und blickte mit bösen Vorahnungen auf die Uhr. Fast eine volle Stunde sollte mich dieses Kind nerven. Ich weiß nicht, wie viele Male ich ihm gesagt habe, er solle in sein Zimmer gehen und sich zurück aufs Bett legen. Dieser Junge stellt zweifelsfrei den Inbegriff des frechen Kindes dar. Immerhin habe ich es eine ganze Weile geschafft, ihn eine halbe Stunde daran zu hindern, weitere Kinder für seinen Aufstand zu mobilisieren. Um zehn vor sechs war es dann auch nicht mehr so wichtig. Gegen kurz vor sechs kam Sabrina, die Volontärin, die die Tagschicht bei den Happy Feet’s hat, und von nun an brauch das Durcheinander los. Innerhalb weniger Sekunden waren alle Kinder auf den Beinen und uns liefen geschätzt fünfzehn Kleinkinder zwischen den Beinen hin und her. Meiner Meinung nach sind diese Kinder allesamt hyperaktiv. Die einzige, die wirklich in der Lage ist, durchzugreifen, ist die Child-Care-Workerin des Hauses, die aber nur Afrikaans mit den Kindern spricht. Eigentlich schreien die Arbeiter wie Helen und die erwähnte CCW häufig nur sehr autoritär in die Menge, was jedoch seine Wirkung nicht verfehlt. Die Aufgabe der Nachtschicht ist es von nun an, der CCW und der Volontärin beim Aufwecken der Kinder (was sich erübrigt hatte) und beim Anziehen der Kinder zu helfen. Schwierige Aufgabe bei diesem Durcheinander. Sehr ärgerlich ist es, wenn man zum ersten Mal vor dieser Aufgabe stehen und die kleinen Knirpse einen verarschen wollen. Sie verraten einem nicht, was sie anziehen sollen oder ob sie etwas unter diese Sachen ziehen wollen (praktisch müsste man wissen, was Unterwäsche und was Schlafanzug ist). Irgendwann hatten wir die Kinder mit vereinten Kräften jedoch fertig für das Frühstück. Ihr Bett gemacht hatte jedes Kind selbst, immerhin.

   Beim Frühstück hatte ich nur noch wenig zu tun, das übernimmt die CCW. Anschließend müssen die Kinder sich die Zähne putzen, was ebenfalls beaufsichtigt werden muss. Nachdem auch diese Hürde halbwegs genommen war, konnte ich gehen. Durch das helle Durcheinander war ich jedoch wieder ziemlich wach geworden. Ich ging ins Annex und wartete bis wir die Plates und andere Dinge in die Küche bringen konnten. Da die Küche erst mit Verspätung aufmachte und es noch einige Unklarheiten gab, war ich erst um acht Uhr fertig und konnte mich auf mein Zimmer begeben. Nach der Schlepperei der Teller war ich nun komplett wach. Ich beschloss, zunächst zu duschen.

   Jetzt sitze ich immer noch auf der Bank unter dem Baum. Es ist mittlerweile viertel vor zehn. Seit einer Viertelstunde habe ich ein mich angenehm überraschendes Bild auf den Nachbarbänken. Um den Tisch herum sitzen die obersten Mitarbeiter des Heimes zusammen mit Reinigungskräften, die hier den Pool saubermachen und den Rasenmähen gemeinsam und frühstücken und beten. Ich finde es super, dass diese Gruppen gemeinsam am Tisch sitzen, weil ich mir sicher bin, dass sich die höchsten Angestellten in Deutschland nicht mit den Gärtnern an einen Tisch setzen würden.

   So viel also zu meiner zweiten Nachtschicht. Ich bin immer noch nicht müde. Arbeiten muss ich erst von Mittwoch auf Donnerstag wieder. Es ist noch nicht klar, ob ich wieder bei den Happy Feet’s sitzen werde oder woanders.

Nachtrag: Der Schreihals von letzter Nacht kam soeben gutgelaunt auf mich zugelaufen, kletterte auf meinem Schoß und war hellauf begeistert von meinem Laptop. Die nächsten Minuten habe ich mit ihm gespielt. Von Sabrina habe ich erfahren, dass er und Kandidat eins aus der Nacht nicht mehr zusammen in den Kindergarten dürfen, weil sie zusammen nur Mist machen. So wechseln sie sich ab und Kandidat drei tobt gerade vergnügt mit Sabrina über die Wiese. Sicherlich hat er die letzte Nacht bereits vergessen…

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