Abschied – die letzten Wochen in der Zusammenfassung

Posted by on 12. August 2012

Es ist Samstag, der 11. August und ich komme endlich mal wieder dazu, für den Blog zu schreiben. Es ist seit meinem letzten Eintrag unglaublich viel passiert und ich hatte sehr viel um die Ohren, sodass ich einmal mehr zu nichts gekommen bin.

 

   Die Zeit der Abschiede begann für mich am 20. Juli, denn an diesem Tag verließen uns vier Volontäre, von denen drei seit meinem ersten Tag im Kinderheim an meiner Seite waren und die alle vier zur Annex-Familie gehörten. Ich musste mich unter anderem von jemandem verabschieden, der in den letzten Monaten fast eine Art Bruder für mich geworden ist. Der Abschied war tränenreich.
   Spätestens von diesem Moment an änderte sich die Atmosphäre im Annex unter den Volontären sehr. Es war, als würden wir alle nur darauf warten, nach Hause zu fliegen. Zunächst war da dieses Gefühl der Leere, denn unsere Annex-Familie war stark dezimiert worden. Man konnte es überhaupt nicht begreifen, dass diese Personen einfach nicht mehr da waren und nicht mehr wiederkommen würden.
   Ebenso brachten die letzten Wochen eine starke Arbeitsbelastung für mich, kombiniert mit verschiedenen Highlights, die es an jedem Wochenende und auch unter der Woche gab sowie einer erneuten Erkältungswelle, die manche von uns richtig hart erwischte. Die letzten Wochen waren also noch einmal richtig anstrengend. Ich fing bereits in der drittletzten Woche an, die verbliebenen Arbeitstage runter zuzählen. Das hört sich nun an, als ob mein Job der schlimmste der Welt gewesen wäre, doch das war er nicht. Ich habe ihn im Großen und Ganzen gerne gemacht und bin in meiner Arbeit aufgegangen. Ich konnte mir immer wieder kürzere Wege suchen und mich selbst organisieren und war immer motiviert, meine Aufgabe so gut wie möglich zu erledigen. Als Stephan, der Donations-Fahrer, und ich unserer Chefin Jenny am letzten Tag ein großes gerahmtes Foto, auf dem wir beide mit dem Donations-Bakkie bzw. mit meinem Avanza zu sehen sind, war sie sehr gerührt und hat sich sehr gefreut. Über Facebook bleibe ich mit Jenny in Kontakt. Sie wurde in letzter Zeit nicht müde, mir zu sagen, dass ich ihr sehr fehlen werde, weil sie sich zu jeder Zeit zu hundert Prozent auf mich verlassen konnte. Auch von anderen Staff-Mitgliedern habe ich ähnliches gehört, sodass ich auch selbst der Meinung bin, dass ich meinen Job gut gemacht habe.
   Beinahe überraschend kam für mich die Reaktion der Kinder, die ich viele Monate täglich zur Schule gefahren habe oder sie abgeholt habe, denn sie waren wirklich traurig. Das Highlight war schließlich, dass mich eine der Gruppen, die ich jeden Morgen zur Schule gefahren habe, gefragt hat, ob ich ihnen eine CD brennen könnte mit den Liedern, die wir im Auto immer gehört haben. Das habe ich natürlich gemacht und die Kinder haben immer wieder gefragt, wann die CD denn fertig wäre. Einen Tag, nachdem ich ihnen die CDs (Avanza-Hits 2012) gegeben habe, erzählte mir ein Mädchen, dass sie die CD am Vorabend laut in ihrem Haus gehört hätten und die Kinder alle zur Musik getanzt hätten. Das hat mich sehr, sehr gerührt. Besonders mit diesen Kindern hatte ich es Monate vorher noch schwer gehabt, da sie sich im Auto nicht benommen haben und scheinbar nicht viel von mir hielten. Auch andere Kinder waren sichtlich enttäuscht darüber, dass ich sie nicht mehr zur Schule fahre. Dass einen manche Kinder wirklich schätzen und mögen, das habe ich in meinem Jahr hier erst spät realisiert.
   Irgendwann war dann mein letzter Arbeitstag da und es war natürlich ein komisches Gefühl. Immer wieder hatte ich den Gedanken, dass ich dieses und jenes Kind gerade zum letzten Mal im Auto habe und gerade diese und jene Schulen zum letzten Mal anfahre. Als ich dann am Nachmittag zum letzten Mal den Avanza, in dem ich seit Januar über fünfzehntausend Kilometer (nur Stadtverkehr) gefahren bin, in die Garage brachte, gipfelte dieses eigenartige Gefühl.
   Nun waren es noch zwei Tage (und meine erste Feier-Nacht in Stellenbosch, die hielt, was wir uns von ihr versprachen) bis zur Ankunft von Arne und Dirk. Als ich die beiden dann am Sonntagnachmittag gegen siebzehn Uhr oben durch eine Glasscheibe durch einen Gang laufen sah, nachdem sie ihr Flugzeug verlassen hatten, habe ich erst in diesem Moment wirklich begriffen, dass sie wirklich da waren und ich die beiden nach knapp zehn Monaten nun wiedersehe. Zuvor hatte ich im Annex meine Sachen gepackt, hunderte Fotos von meinen Wänden genommen und mich zu guter Letzt an der Volontär-Wand im Wohnzimmer mit einem Foto verewigt. An diesem Moment, in dem man sich an diese Wand hängt, haben wir alle schon seit Monaten gedacht. Nun konnte ich also meinen Freunden von zu Hause zeigen, wo, wie und teilweise mit wem ich im letzten Jahr gewohnt habe.
   Ein paar Tage später, nachdem ich mit den beiden ein weiteres Mal die Highlights von Kapstadt und der Region im Schnelldurchgang durchgezogen habe und tatsächlich noch meinen Fluch vom Tafelberg gebannt habe und an meinem letzten Tag noch den Tafelberg bestiegen bin (Wahnsinn!) stand also der Abschied aus dem Kinderheim an. Wie viele Male und seit wie viele Monaten haben wir alle daran gedacht und versucht, es uns vorzustellen, wie es sein wird, wenn wir das Annex und das Kinderheim verlassen. Ich sage es ganz ehrlich: Ich kann es auch jetzt noch nicht annähernd realisieren, dass meine Zeit im Kinderheim um ist. Ich habe immer noch im Kopf, dass ich nach diesem Urlaub wieder zurück gehen werde und es weitergeht wie immer. Ich bin sehr gespannt darauf, wann ich realisieren kann, dass es vorbei ist. Der Abschied von den Volontären meiner Gruppe, die noch da sind (nicht mehr viele) war verhältnismäßig wenig emotional. Das liegt vor allem daran, dass ich die Deutschen, die sehr wichtig sind, demnächst bereits alle wiedersehen werde, denn schon am 31. August treffen wir uns mit einigen in Mönchengladbach. Aber wie gesagt: Mir war in diesem Moment ohnehin nicht klar, dass ich das Kinderheim gerade für immer verlasse.
   Jetzt sind wir schon einige Tage unterwegs und der Urlaub ist bisher eine Wucht. Auch wenn ich alles schon kenne, was wir hier sehen, genieße ich es noch einmal aus vollen Zügen. Natürlich bin ich innerlich durchgewühlt und wandle ein wenig zwischen den Welten (und verschiedene Nachrichten von zu Hause machen es nicht gerade einfacher), aber wenn man diese Landschaften hier sieht und sie dabei noch mit seinen besten Freunden teilen kann, da vergisst man für einen Moment alles andere auf der Welt. Ich freue mich auf die letzten Tage, jedoch ist dies wohl der erste Urlaub in meinem Leben, bei dem ich mich ebenso sehr auf das Ende freue, denn dann geht es nach Hause und ich kann es gar nicht erwarten.
   So gehe ich mit viel Optimismus in die nächsten Tage. In zehn Tagen geht es nach Hause!

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