Ein Lebenszeichen

Posted by on 8. Juni 2012

[neue Bilder aus dem Album Alltag in Durbanville]

8. Juni. Kurz vor elf Uhr vormittags. Ich sitze in meinem Zimmer, habe meine Winterjacke aus Deutschland an und bin von meiner Bettdecke zugedeckt. Mein Atem kondensiert. Der Regen prasselt auf das Dach des Annex und der Klang lässt mich daran denken, in einem Auto zu sitzen. So gut ist das Annex also isoliert. Tatsächlich hat es Vorteile, bei diesem Wetter im Auto zu sitzen, denn das Auto ist der einzige Ort weit und breit, an dem es eine Heizung gibt und somit die einzige Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Nachts schläft man in langen Sachen. Ich habe mir angewöhnt, direkt in dem Pullover zu schlafen, den ich am nächsten Morgen zum Fahren anhaben werde, sodass ich mich nicht mehr umziehen muss.

   Im Vorfeld der Reise und während der letzten Monate haben wir uns immer wieder über den Winter hier lustig gemacht. Natürlich sind wir aus Deutschland und den anderen europäischen Staaten ganz andere Temperaturen gewohnt und im letzten Winter gab es eine Phase in Deutschland, in der zu Hause wohl minus zwanzig Grad waren (während wir über vierzig hatten), aber dennoch empfinde ich den Winter hier mittlerweile als eher schlimmer. Der Unterschied ist ganz einfach. In Deutschland zieht man sich bei angenehmen Temperaturen im Haus so dick an, wie man es für nötig hält. Dann geht man hinaus und ist auf die eisige Kälte vorbereitet. Später geht man wieder ins Haus und wärmt sich dort auf. Eine warme Dusche, vor dem Kamin sitzen, alles kein Problem. Hier kann man sich nicht aufwärmen. Es macht beinahe keinen Unterschied, ob man draußen oder drinnen ist, es ist überall gleich kalt. Draußen habe ich auf einem Thermometer in Bellville gesehen, dass es zahn Grad sind. Also auch zehn Grad, vielleicht zwölf oder dreizehn im Haus. Nonstop, vierundzwanzig Stunden nicht wärmer. In den nächsten Nächten soll es auf fünf Grad, vielleicht noch weniger runtergehen. Vor Wochen hatte ich schon fast einen Monat eine Erkältung, die ich dann aber irgendwann endlich wieder losgeworden bin. Seit dem Kälteeinbruch am Mittwoch habe ich wieder Hals- und Kopfschmerzen. Glücklicherweise soll es Anfang nächster Woche wieder etwas besser werden. Immerhin konnten wir auch am letzten Wochenende noch im T-Shirt rumlaufen und waren sogar am Strand, einfach, um das gute Wetter zu nutzen.
   Es ist also Winter geworden in Südafrika. Ich weiß nicht, wie Tausende, Millionen von Südafrikanern es in den Townships aushalten momentan, die wahrscheinlich unter Wasser stehen und deren Häuser noch viel weniger dicht sind als unser Annex. Ich hoffe, dass nicht die meisten meiner restlichen Tage hier so sind wie gestern oder heute.

   Ich habe mich sehr lange nicht gemeldet. Das lag zunächst an sehr viel Beschäftigung, dann an Faulheit und zuletzt daran, dass mir vor etwas weniger als zwei Wochen mein Laptop aus dem Annex geklaut worden ist. Den hatte ich einem anderen Volontär für die Nachtschicht geliehen und mit ihm abgesprochen, dass er den Laptop am Morgen, also gegen halb acht, im Annex in ein Fach unter dem Tisch legen sollte, damit er nicht offen sichtbar ist. Als ich an diesem Tag gegen neun Uhr aufgestanden bin, habe ich nur noch mein Netzteil und meine Maus vorgefunden, der Laptop war weg. Lange Rede, kurzer Sinn: Man weiß mittlerweile fast mit Sicherheit, wer den Laptop geklaut hat. Ein sechzehnjähriges Mädchen aus Haus zwei. Das nützt mir nur leider gar nichts. Aus verschiedenen Gründen ist der Laptop schon lange verkauft worden. Zum einen hat das Kinderheim viel zu spät die Initiative ergriffen und herausgefunden, was eigentlich wirklich vorgefallen ist. Mehrere andere Mädchen wussten scheinbar die ganze Zeit, wer meinen Laptop hat und wo er ist. Aber auch die Polizei, die sich insgesamt herzlich wenig für meine Angelegenheit interessiert hat (dafür aber umso mehr über meine Sicht des Champions-League-Finales und über deutsche Autos), ist erst ein bis zwei Tage zu spät aktiv geworden. Vor den beiden Detectives hat ein Mädel dann ausgepackt. Da war mein Laptop aber wohl schon über alle Berge. Das Mädel, das in der Folge fast eine Woche weggelaufen war, hat den Laptop nicht nur verkauft, sondern auch noch Kriminellen gesagt, dass es auf dem Kinderheimgelände eine Menge Laptops geben würde. Da fühlt man sich direkt noch sicherer. Seit gestern hängt an unserer Pinnwand im Annex ein Zeitungsartikel, dass es alleine in der letzten Woche vierzehn „Crimes“ nur in Durbanville gegeben hat. Unter anderem wurden Menschen unmittelbar vor Orten, an denen wir Volontäre uns regelmäßig aufhalten, ausgeraubt.
   Yvonne mag es sehr, den Teufel an die Wand zu malen. Natürlich ist es gefährlich und man muss vorsichtig sein, aber was haben wir für eine Wahl? Uns im Kinderheim verkriechen werden wir sicherlich nicht. Alleine nachts durch die Gegend laufen, so dumm sind wir dagegen auch nicht. Auch nehme ich keine Kreditkarte und nichts mit, wenn wir abends weggehen.

   So viel zu den aktuell zentralen Themen meines Lebens hier, dem Winter und meinem gestohlenen Laptop. Einen anderen Laptop aus Deutschland hier hinschicken kostet übrigens insgesamt in jedem Fall über dreihundert Euro. UPS möchte 631 Euro dafür haben. Hurra, Globalisierung. Ich kann alles innerhalb von wenigen Tagen um die ganze Welt schicken. Leider aber nur, wenn ich Vorstand bei der Deutschen Bank oder Fußballer bin. Ein armer Volontär, der sich ein Jahr den A***h aufreißt und ohne Lohn etwas für afrikanische Kinder tut (die ihm dann noch den Laptop klauen) und der, weil er keiner deutschen Organisation im Vorfeld Tausende von Euros in den Rachen geschoben hat, nicht einmal mehr seine Halbwaisenrente bekommt, kann sich so etwas leider nicht leisten. Selbst wenn, wäre es natürlich Irrsinn. Der Versandpreis bei UPS ist so teuer, als wenn man sich in Deutschland ins Flugzeug setzt, den Laptop eigenhändig hier vorbeibringt und wieder nach Hause fliegt.
   Man merkt mir vielleicht an, dass ich momentan etwas angefressen bin und mir natürlich etwas verschaukelt vorkomme. Aber damit muss man natürlich leben. Ich kann mir regelmäßig einen anderen Laptop leihen und langweile mich daher während meiner Stand-by-Zeit etwas weniger. Außerdem beginnt heute endlich die von uns allen schon lange herbeigesehnte Europameisterschaft. Natürlich werden hier alle Spiele live übertragen, auch wenn wir dafür immer in den Biergarten gehen müssen (was auf die Dauer verdammt teuer werden wird). Aber das nimmt man dafür natürlich in Kauf. Selbstverständlich gibt es ein eigenes Tippspiel unter den Volontären und am Sonntag findet in der Activityhall, die wir dafür eigens reserviert haben, das große Volontär-FIFA-EM-Turnier statt. Glücklicherweise haben wir eine Playstation hier und einen großen Fernseher in der Activityhall.
   In zwei Wochen gibt es noch einmal für drei Wochen Schulferien und vom 24. Juni bis zum 1. Juli habe ich eine Woche Urlaub. Also kann es mir schon einmal nicht passieren, bei einem EM-Spiel Nachtschicht machen zu müssen. Die Ferien werden also wieder so aussehen wie die Sommerferien und jeder Volontär muss wohl alles gelegentlich machen.

Das soll es von mir erst einmal wieder gewesen sein. Bald ist das 12-Uhr-Meeting und dann muss ich eine Weile fahren. Mein Job macht mir meistens immer noch Spaß. Jedenfalls sind die Alternativen nicht allzu verlockend.
   Es tut mir leid, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Ich hoffe, ich schaffe es nun regelmäßiger.
   Es ist nun gleich halb zwölf und mit einem Mal scheint die Sonne zum Fenster hinein. Immerhin.

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