Fünf Monate hier – Halbzeit

Posted by on 22. März 2012

Ich bin mittlerweile fünf Monate hier und habe somit ungefähr die Hälfte meiner Zeit hier um. Die einhellige Meinung ist, dass die zweite Hälfte deutlich schneller vorbeigeht als die Erste. Ich habe verdammt lange nichts geschrieben, daher wird es mal wieder höchste Zeit. Was ich wirklich Neues berichten kann, darüber bin ich mir selbst noch nicht im Klaren. Somit werde ich einfach mal wieder drauflos schreiben und schauen, was am Ende dabei herauskommt.

14.März
Das Wichtigste kommt direkt an den Anfang: Ich bin glücklich, hier zu sein und bereue es nicht, für eine so lange Zeit die Heimat verlassen zu haben. Besonders seit Januar rast die Zeit nur so dahin. Mir kommt es so vor, als hätten wir neulich erst das Meeting für die neuen Jobs nach den großen Schulferien gehabt und nun gibt es in gut einer Woche schon die nächsten Schulferien. Mein Job macht mir ebenfalls Spaß. Von den Tagen her arbeite ich mehr als viele andere hier (weil ich keine Long- und Shortweek habe, sondern immer von Montag bis Freitag arbeite) und es steht auch kaum jemand jeden Tag so früh auf wie ich (in der Regel halb sieben, selten noch früher), aber dennoch gefällt es mir, immer mal wieder unterschiedliche Arbeit zu haben, nicht so viele Kinder auf einmal zu sehen und gleichzeitig ebenfalls ein wenig von der Umgebung zu sehen. Immerhin bin ich schon in Stellenbosch und in der Innenstadt von Kapstadt gewesen (im Januar hat die Schweizer Schokoladenfirma Lindt dem Kinderheim sehr viele Schoko-Weihnachtsmänner gespendet, eine überaus angenehme Spende). Weiterhin sehe ich, wo verschiedene Kinder wohnen, die an manchen Wochenenden nach Hause dürfen. Die Wohngebiete der Kinder unterscheiden sich deutlich. Von einer absolut bewohnbaren und europäisch anmutenden Gegend bis hin zu beinahe Townships im südlichen Bellville, habe ich eigentlich schon einiges gesehen.
   Der Verkehr hier in Kapstadt ist teilweise wirklich heftig. Natürlich ist auch der Berufsverkehr in den Metropolen Deutschlands in der Regel von Staus gekennzeichnet, jedoch denke ich, dass der Verkehr hier teilweise ein noch größeres Ausmaß annimmt. Im Berufsverkehr am Morgen stehen die Leute nicht nur auf sämtlichen Autobahnen und größeren Straßen, sondern sie stehen bis tief in die Wohngebiete hinein und kommen überhaupt nicht auf eine Hauptstraße. Es ist wichtig, dass ich verschiedene „Schleichwege“ kenne, um die größten Verkehrsknoten zu umgehen. Auf eine Autobahn sollte man sich in der Regel nicht wagen, denn man kann immer mit einem Stau rechnen, was ich absolut nicht gebrauchen kann.
   Da ich hier sehr viele Kilometer fahre, habe ich mich wirklich vollends an das andere Fahren hier gewöhnt, was bedeutet, dass ich irgendwann das Fahren in Deutschland teilweise neu lernen muss. Links in ein Auto steigen, mit rechts schalten, Blinker-Hebel auf der linken Seite – das alles kenne ich überhaupt nicht mehr. Weiterhin wird mir sicherlich die Geschwindigkeit ungewohnt vorkommen, da ich hier praktisch nur im Stadtverkehr unterwegs bin, wo sechzig erlaubt ist. 30-Zonen, wie es sie in unseren Wohngebieten gibt, haben sie in Südafrika nicht. Ebenso existiert keine Regel wie unser Rechts-vor-Links (bzw. hier Links-vor-Rechts), sondern es stehen überall Stop-Schilder (bei denen sowieso niemand stehen bleibt) und sehr häufig die 4-Way-Stops. Kurze Erklärung: Bei einem 4-Way-Stop steht an allen Enden einer Kreuzung ein Stop-Schild und es hat derjenige die Vorfahrt, der bereits am längsten wartet beziehungsweise als Erster da war. Eine solche Regelung gibt es ebenfalls in den USA, wenn ich mich richtig erinnere. Ich empfinde die 4-Way-Stops als sehr angenehm, da man in der Regel schnell weiterfahren kann und nicht so sehr unter starkem Verkehr leidet. Die Ampeln auf den meisten Straßen sind schlecht aufeinander abgestimmt, sodass man eine „grüne Welle“, wie man sie von uns kennt, eigentlich nie bekommt. Das ist sehr nervig, man fährt, hält an der nächsten Ampel an und kommt so niemals wirklich voran.

22. März
Ich bin wirklich unheimlich schreibfaul geworden in der letzten Zeit. Nun ist schon wieder über eine Woche vergangen seit dem ich den letzten Text angefangen habe. Morgen geht es endlich in den Urlaub, seit heute habe ich frei. Ich muss sagen, es wird wirklich Zeit. In der letzten Woche habe ich an allen sieben Tagen gearbeitet, bis Dienstag dieser Woche also neun Tage hintereinander. Ich bin seit Mitte Dezember nicht mehr von hier weg gewesen, jedenfalls nichts, was über einen Tagesausflug hinausgeht. Man merkt nach einer Weile einfach, dass man mal von hier weg muss. Wir leben hier mit so vielen verschiedenen Leuten auf absolut engstem Raum zusammen, sodass es meiner Meinung nach völlig normal ist, dass man ab und zu raus aus allem muss, um mal etwas anderes und andere Leute zu sehen. Ich habe neulich erst gemerkt, wie gestresst ich teilweise einfach bin, sodass ich auch bezüglich der Kinder eine sehr dünne Haut bekommen habe und sehr schnell sehr genervt bin. Aber morgen geht es endlich los. Ich kann es kaum erwarten und habe mich wahrscheinlich selten so auf etwas gefreut und etwas herbeigesehnt. Auch andere Volontäre haben nun Urlaub, sodass wir uns erst Mitte April alle wiedersehen.
   Der große Wechsel der Volontäre, die nicht ein Jahr hier bleiben und der Anfang Januar begonnen hat, ist seit Dienstag vollzogen. Es gab sehr viele, eindeutig zu viele und auch sehr bewegende Abschiede. Es ist wirklich faszinierend, wie man hier einfach Freunde findet, mit denen man diesen Lebensabschnitt gemeinsam durchlebt und mit denen man so zusammenwächst, sodass das Kinderheim ohne manche Leute einfach nur leer und unvollständig wirkt. Sehr oft haben wir am Flughafen oder auf dem Hof im Kinderheim gestanden und Volontäre verabschiedet.
   Langsam merkt man, dass der Sommer sich dem Ende neigt. Wir haben nun immer häufiger Tage, an denen man lange Kleidung trägt und an denen es am Abend merklich frisch wird. Zwar haben wir auch noch Tage, an denen wir, wie am Dienstag, vierunddreißig Grad haben, aber auch durch die Tatsache, dass die Tage immer kürzer werden, kündigt sich der Herbst an.
   Was habe ich noch gesehen in der letzten Zeit? Ich bin so manche Male natürlich am Strand gewesen, in der Regel in Table View (beste Sicht auf den Tafelberg und unglaublich kaltes Wasser, kälter als die Nordsee). Am Dienstag war ich in Kapstadt und habe das District-Six-Museum besucht (Informationen einfach auf Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/District_Six ). Letzten Freitag war ich in einer Schule ein paar Stadtteile weiter und habe mit einigen Kindern ein Musical besucht, bei dem Jade (der Sänger, siehe Weihnachtskonzert letztes Jahr) die Hauptrolle hatte und einfach unglaublich glücklich war, als er uns gesehen hat.

   Nach meinem Urlaub, der mich zunächst zu vielen Orten führen wird, die ich bereits gesehen habe, aber ebenso an viele neue Orte, von denen ich schon unheimlich viel Gutes gehört habe, wird es natürlich Berichte und noch mehr Fotos geben. Das verspreche ich. Ich hoffe, ich kann meinen Job hier nach den Ferien behalten, denn er macht mir Spaß.

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