Wen betreue ich hier eigentlich?

Posted by on 30. Oktober 2011

Die Kinder – wen betreue ich hier eigentlich?

Ich wollte schon lange einmal etwas über dieses Thema geschrieben haben. Irgendwie hatte ich aber entweder keine Lust oder keine Zeit. Anfangs hatte ich weiterhin die Informationen noch nicht.
   Wen betreue ich hier? Was für Kinder kommen in ein Kinderheim in Durbanville? Mittlerweile habe ich mehrere „Vorträge“ und „Informationsveranstaltungen“ gehabt, an denen alle neuen Volontäre teilnehmen müssen.

   Auch ich habe, besonders vor meiner Abreise, immer gedacht, es handele sich bei den Kindern hier mehrheitlich um Kinder, deren Eltern nicht mehr am Leben sind (was durch Aids wahrscheinlich auch keine Seltenheit ist). Entgegen meiner Annahme handelt es sich beim DCH jedoch nicht um ein Waisenhaus. Vielmehr leben hier Kinder, die fast alle noch Eltern haben, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Familien leben möchten. Aus einer Powerpoint-Präsentation zähle ich zunächst einmal die Gründe auf:

  • Physischer, emotionaler (psychischer) und/oder sexueller Missbrauch;
  • Drogenmissbrauch, Suchtmittelmissbrauch, psychische Probleme und Gewalt in den Familien, Berührung mit Kriminalität;
  • Starke Vernachlässigung der Kinder durch ihre Eltern;
  • Armut und Arbeitslosigkeit.

Bevor man als Deutsche, die wir in einem Land leben, in dem diese Dinge nicht so häufig, sondern nur punktuell vorkommen, sei an dieser Stelle direkt gesagt: Fast alle Kinder sind mit mindestens drei dieser vier Stichpunkte in Berührung bekommen. Fast alle Kinder sind missbraucht worden. Die Kinder und Jugendlichen sind hier, weil sie nicht mehr bei ihren Familien bleiben können. Die Situation in ihren Familien ist also derart zerstörerisch für die Kinder, dass sie den Eltern weggenommen wurden.
   Von mehreren Kolleginnen, die bei den Happy Feet’s arbeiten, ist mir erzählt worden, dass die kleinen Kinder, wenn sie auf dem Schoß der Volontärinnen sitzen, manchmal eindeutige Bewegungen machen, die auf erlebten sexuellen Missbrauch schließen lassen. Solch eine Situation stelle ich mir nicht sehr angenehm vor. Durch den erlebten (sexuellen) Missbrauch sind die meisten Kinder traumatisiert. Man weiß nie genau, was jede und jeder Einzelne der Kinder genau erlebt hat. Das macht die Arbeit häufig schwerer. Kennt man die Geschichte eines Kindes, so kann man sich besser darauf einstellen. Wir bekommen hier jedoch lediglch ein paar Einzelgeschichten zu hören, und da es hier 144 Kinder gibt, ist eine vollständige Aufklärung auch unmöglich.
   Drogen sind in Südafrika sehr weit verbreitet. Besonders Substanzen, an denen man schnüffelt, stehen hoch im Kurs. Darüber hinaus ist natürlich, wie eigentlich überall, Alkohol ein zentraler Grund für die Notwendigkeit einer Unterbringung der Kinder im Kinderheim. Bei einer Informationsveranstaltung sind mir verschiedene Beispiele berichtet worden. Es gibt im Kinderheim mehrere Kinder aus einer Familie, also Geschwister. Zwei Geschwister, über die ich ein wenig erfahren habe, wohnen hier bei den Happy Feet’s (bei einem handelt es sich übrigens um Kandidat zwei der Toilettenrunde, siehe Berichte der Nachtschichten bei den Happy Feet’s). Der Junge war zwei Jahre, als er ins Kinderheim kam. Im benachbarten Haus, also Haus 9 (weibliche Happy Feet’s) wohnt seine Schwester, die zwei Jahre älter als ihr kleiner Bruder ist. Uns wurde erzählt, dass dieses Mädchen sich für einen längeren Zeitraum praktisch mehr oder weniger alleine um ihren kleinen Bruder kümmern musste, da die Mutter der Kinder Alkoholikerin, also dauerhaft betrunken, war. Wo der Vater der Kinder ist, darüber haben wir nichts erfahren. Die Mutter war scheinbar alleinerziehend. Die beiden Kinder wurden von ihrer Mutter also komplett vernachlässigt. Ich höre Lita (eine der Managerinnen des Kinderheims) noch immer wieder sagen: „Dieses vierjährige Mädchen musste für ihren kleinen Bruder sorgen und trug für ihn die Verantwortung“. Heute sind die beiden Kinder im DCH. Sie gehören jedoch zu den Kindern, die in den Schulferien teilweise nach Hause zu ihren Familien dürfen. Mir wurde erzählt, dass in den letzten Ferien (Anfang Oktober) offensichtlich etwas bei ihnen passiert sein muss. Der kleine Junge habe sich verändert. Er sei jetzt häufig verstört und wirke depressiv. Stellenweise habe sogar ich das bei meinen beiden Nachtschichten mitbekommen. Dieser Junge hat jedes Mal noch einige Minuten, nachdem ich ihn wieder ins Bett gelegt hatte, geschluchzt. Außerdem habe ich ihn ein Mal vom Kindergarten abgeholt und konnte auch da feststellen, dass er sehr still und zurückgezogen ist. Ich hoffe, dass diese Kinder in den Sommerferien nicht wieder zu ihrer Familie dürfen.
   Auch zum Thema Gewalt in den Familien bekomme ich immer wieder ein erschütterndes Beispiel zu sehen. Ebenfalls bei den Happy Feet’s lebt ein kleiner Junge, der starke Verbrennungen am gesamten Körper aufweist. An diesen Anblick musste sich jeder Volontär hier erst einmal gewöhnen. Der Junge sieht schrecklich aus. Auf meine Frage nach der Ursache für seine Verbrennungen bekam ich nur die Antwort, dass die Mutter des Jungen ihr eigenes Haus angezündet hat, in dem sich noch der Junge befand. Dies war jedoch kein Versehen oder ein Unfall%2

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